Lifrase

Lifrase war zunächst im Springsport in Italien eingesetzt. Nach Jahren zwischen Stall, Hänger und Turnier war er schließlich körperlich so ausgelaugt und krank, dass er für den Sport nicht mehr taugte. Für die meisten Pferde bedeutet dies nach wie vor das Todesurteil, so auch für ihn. Er wurde an einen Händler verkauft, der die Tiere nach Argentinien verschiffte – werden sie dort geschlachtet und zu „argentinischen Spezialitäten“ verarbeitet, die dann wieder in alle Welt exportiert werden, ist für das einzelne Tier ein höherer Schlachtpreis zu erzielen. Zunächst aber schien es so, als hätte er Glück. Eine italienische Tierschützerin sah ihn am Hafen kurz vor dem Verladen und kaufte ihn frei. Sie nahm ihn mit auf ihren Gnadenhof, wo er den Erzählungen nach gut behandelt wurde.

Dann aber „verliebte“ sich ein deutsches Mädchen, das ihren Urlaub in der Nähe verbrachte, in ihn und weil die Tierschützerin glaubte, Lifrase damit etwas Gutes zu tun, verschenkte sie ihn an sie. Doch leider behandelte sie ihn alles andere als liebevoll. Ihr ganzer Ehrgeiz bestand darin, aus dem ehemaligen Springpferd noch eine Leistung herauszuholen, mit der sie vor ihren Freunden angeben konnte. Durch die ständige Überforderung, denn schon damals galt Lifrase ja als gehandicapt, kam es zu immer mehr körperlichen Problemen. Auf Drängen von anderen Einstellern des Stalls wurde nach Monaten endlich ein Tierarzt geholt, der Lifrase gründlich untersuchte, denn er hatte offensichtlich starke Rückenschmerzen und die Sehnen der Läufe, insbesondere vorne, bestanden weitgehend aus Vernarbungen. Der Tierarzt riet zu sehr vorsichtigem Vorwärts- Abwärtsreiten, um durch das Gymnastizieren die Rückenmuskulatur zu stärken. Er solle geschont und liebevoll umsorgt werden.

Die junge Besitzerin vernahm`s und scherte sich in keiner Weise um die Empfehlungen. Statt dessen ließ sie Lifrase weiterhin über bis zu 1,60m (!) hohe Hürden springen und beim Reiten auf dem Sandplatz auf den Hinterläufen steigen, während sie auf seinem Sattel sitzend Beifall ihrer johlenden Teenagerfreunde einheimste. Es war furchtbar... aber damit nicht genug. Sie unternahm lange Ausritte, während derer sie ihn mit Kandare, Peitsche und kurz gehaltenem Zügel zum Galopp zwang, oftmals kam Lifrase vor Schmerzen zitternd zurück zum Stall. Die informierten Eltern glaubten den anderen Reitern nicht, dass ihr „liebes Kind“ zu solchen Untaten fähig sei und unternahmen – gar nichts.

An einem heißen Sommertag schließlich überspannte die inzwischen 16jährige den Bogen derart, dass Lifrase bei einem zu schnellen Umlaufen einer Kurve stürzte und sich einen der vorderen Läufe schwer verletzte. Eine große Fleischwunde klaffte bis auf den Knochen, das Blut lief über den Huf – Lifrase wurde trotzdem zum Stall zurück geritten! Das Mädchen hatte nicht einmal den Anstand, ihn zu führen, sondern saß auf ihm und meinte, für ihn sei es kein Unterschied, ob er mit oder ohne sie auf dem Rücken zum Stall zurück müsste. Sprach`s, sattelte ihn ab und stellte ihn ohne einen Tierarzt zu rufen, so wie er war auf die Weide und fuhr zu ihrem Freund. Andere Einsteller des Stalls riefen den Tierarzt und sie waren es auch weitgehend, die in den nächsten Tagen und Wochen seine Wunde auswuschen und ihn versorgten. Das einzig Gute an Lifrases inzwischen desolaten Zustand war, dass das Mädchen das Interesse an ihm endgültig verlor, zu einer Freundin sogar sagte, sie bereue, dieses dämliche Pferd jemals genommen zu haben.

Wir kauften Lifrase im Sommer 2004 zum Schlachtpreis frei. Er ist ein sehr großes und ebenso sensibles Pferd, auch heute noch oft geplagt von Ängsten, wenn sich zum Beispiel menschliche Hände zu schnell in Richtung seines Kopfes annähern. Viel zu oft hatte er die Erfahrung machen müssen, dass das nichts Gutes bedeutet.

Er kommt nach zahlreichen Behandlungen, unter anderem über Monate mit Magnetfeldtherapie, ohne Schmerzmittel aus und ist unumstrittener Chef der Herde. Der wichtigste Mensch in seinem Leben ist Kerstin und sein bester Freund ist Gowinda. Während diese Zeilen geschrieben werden, spielen die beiden Pferde während des Sonnenuntergangs auf der Weide, necken sich gegenseitig und knabbern einander die Mähne. Wir hoffen, dass es bis zu seinem Tod nie wieder anders sein wird. Deshalb suchen wir nach Menschen, die mit einer Patenschaft dazu beitragen, dass er noch viele Abende unter den großen Bäumen auf der Weide steht...

Am 04. Oktober 2014 ist Lifrase gestorben. Er hatte sich in der Nacht zuvor bei einem Sturz die Hüfte angebrochen und konnte keinen Schritt mehr weiter... im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwie hatte er es sogar geschafft, trotz der starken Schmerzen noch einmal auf die Beine zu kommen, als wir ihn morgens fanden, stand er aufrecht da. Typisch Lifrase - immer erhobenen Hauptes, egal, wie widrig die Umstände in seinem Leben waren.

Lifrase, wir werden Dich nie vergessen. Du warst und bist großartig! Wir alle vermissen Dich - besonders Dein treuer Freund Gowinda.